Aktuelle Nachrichten

Oberfeldwebel Simon Schole gleitet durch das Wasser. Zielstrebig kämpft er sich die letzten Meter des Beckens in Richtung des Ziels. Der Körper arbeitet auf Hochtouren. Es ist ein Wettkampf, ein sportlicher, so wie man ihn aus dem Fernsehen etwa von den olympischen Spielen kennt. Doch eines unterscheidet den dreißigjährigen und seine Mitstreiter bei den Invictus Games in Sydney, von herkömmlichen Olympioniken. Simon Schole ist ein Unbesiegter.

Einer von vielen Versehrten die heute in Sydney zeigen, dass selbst ein Schicksalsschlag, der so schwer ist, dass körperliche Beeinträchtigungen zurückbleiben, kein Ende sein muss. Im deutschen Invictus-Team sind Arm- und Beinamputierte, psychisch Erkrankte, körperlich Versehrte. Eines haben sie gemeinsam: Was auch immer ihnen widerfahren ist - eine Minute zuvor hätten sie niemals daran geglaubt, dass ihnen sowas jemals würde passieren können. So, wie wir das alle tun. Und so, wie es auch Oberfeldwebel Simon Schole getan hat.

Kalt ist es an einem Februarmorgen im Jahr 2010. Simon Schole, damals heißt er noch Zobel, ist kurz nach seiner Feldwebel-Ausbildung in Pfullendorf nun endlich Gruppenführer in der Grundausbildung der vierten Kompanie beim Fallschirmjägerbataillon 373 in Seedorf. Es ist ein gewöhnlicher Ausbildungstag, etwas Sport, ein paar Unterrichte, er muss noch kurz in den Sanitätsbereich, der Dienstschluss naht. Schnell zum Supermarkt, dann zur Freundin: Gerade erst vor wenigen Tagen sind sie zusammengekommen, frisch verliebt, Flausen im Kopf, wie das eben mit Anfang 20 so ist. Im Sanitätsbereich hat heute der Tropenarzt aus Hamburg seine Sprechstunde, Simon braucht noch die Gelbfieberimpfung für den Impfstatus. Gesagt getan: Tupfer – Impfung - Tupfer, Pflaster drauf, fertig. Er kann sich wieder anziehen und gehen.

Diese eine Minute, dieser kurze Augenblick, den es brauchte, bis der Impfstoff in Simons Körper ist, dieser Moment im Februar 2010 soll sein Leben für immer verändern.

Achteinhalb Jahre später biegt Simon Schole mit seinem Rollator um die Ecke des Mannschaftshotels in Sydney. Er stützt sich auf das Gerät, hält sich fest, aber er lacht. Er lacht viel. „Das Wichtigste ist an sich selbst zu glauben.“ Mit langsamer, aber klarer, deutlicher Aussprache, erläutert er, dass man nach dem aktuellen Stand der Schulmedizin nichts mehr für ihn tun könne. Doch er sagt das nicht etwa niedergeschlagen, sondern erzählt lieber, was sich seit dem Sport geändert hat und noch ändern wird. Es entspricht seiner Kämpferseele, dass er sich nicht damit abfinden wollte, auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, keine zehn Sekunden am Stück stehen zu können.

Durch die Rehas und den Sport hat er wieder Laufen gelernt. Und Stehen. Stundenlang kann er das heute, ganz ohne Rollator. Haltungs-, Stabilitäts- und Kraftübungen bestimmen sein Training. Sein Wille, sein Kampf und sein stetiges Engagement führen ihn schon 2014 mit dem Team Deutschland zu den ersten Invictus Games in London. Schwimmen und Indoor-Rudern waren seine Disziplinen – und sind es auch wieder in Sydney. Sein Ziel ist klar: Wie alle deutschen Sportler möchte er seine bisherige Bestleistung übertreffen, die aus dem Training - und die aus London. Simon Schole geht im Freistil, im Rückenschwimmen und in der Teamstaffel an den Start, beim Indoor-Rudern geht es gegen die Uhr, einmal für eine und einmal vier Minuten.

An den Invictus Games 2016 und 2017 hat er nicht teilnehmen können. „Ich habe meine wunderbare Frau geheiratet, die seit dem Februartag 2010 zu mir gehalten hat, wir haben zwei bezaubernde Söhne bekommen und ein Haus gebaut. Da war für die Invictus Games keine Zeit,“ so der Oberfeldwebel augenzwinkernd - schnappt sich seinen Rollator und verschwindet in die Hotellobby. Mehr Geist der Invictus Games geht nicht.

Mittlerweile ist Simon Schole nach Westerstede zurückgekehrt. Auch beruflich hat er ein wichtiges Ziel erreicht. Neben den zahlreichen Arztbesuchen und Trainingslagern, orientierte er sich beruflich komplett neu und schloss die Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement erfolgreich ab.

Seit Mitte dieses Jahrs ist er am Bundeswehrkrankenhaus Westerstede unter anderem für Einkäufe zuständig. Er ist Sportler, Kaufmann, Soldat und spätestens, wenn man ihn mit seiner Frau und seinen beiden Kindern sieht, steht fest: Simon Schole ist Invictus. Unbezwungen. Unbesiegt.